Netflix-Methode vs. Digitale Lern-Plattform: Warum fertige Bildungskonzepte so unbeliebt sind…

Im Austausch unter Trainerkollegen und mit digitalen Lernanbietern führe ich immer wieder dieselbe wirre Diskussion: Einerseits wissen wir, dass die Wirksamkeit des Lernens hoch individuell ist und gleichzeitig werden insbesondre in großen Unternehmen viele normierte Bedingungen für die Personalentwicklungsmaßnahmen vorgegeben. Es entstehen immer mehr komplexe und sehr ausgetüftelte Lernmanagementsysteme (LMS) und digitale Plattformen. Das alles in guter Absicht.

Doch viele Mitarbeiter honorieren diese Bemühungen und Entwicklungen leider kaum.

 

Das Lernen auf Rezept: Das Push-Lernen

Üblicherweise sind betriebliche Lernangebote nach den Bedarfen von Unternehmen und Mitarbeitern ausgelegt. Die Angebotsform, ob Präsenztraining oder E-Learning, wird in den meisten Fällen jedoch eher vom Unternehmen bestimmt. Beides Vorgehen beinhaltet, dass ein Lernpfad in der Regel ohne die Mitarbeiter entwickelt wird. Meist geschieht das mit Experten aus der Personalentwicklungsabteilung, E-Learninganbietern und Trainern. Es entsteht ein geplantes und strukturiertes Schulungsangebot, welches zum Beispiel durch einen Leitfaden, ein definiertes digitales Lern-Programm auf einer Plattform oder durch den Trainer anschließend umgesetzt wird.

Trifft der Inhalt und die Vorgehensweise den Lerner genau in dem Moment des Lernbedarfs (Moment of Need) oder hat das Lernangebot eher etwas von einem verordneten Lernen? Und wann könnte der Lernbedarf gegeben sein?

Diese Fragen haben selten einen festen Platz im analogen oder digitalen Lernkonzept. Denn der Diskussionsbedarf oder auch die Richtung kann zeitlich und inhaltlich sehr schwanken und sogar den Trainingsplan „auf den Kopf“ stellen. Und dann?

 

Lernen mit der Netflix-Methode:  Das Pull-Prinzip

Ein großes Lernangebot wird auf einer digitalen Lern-Plattform oder in einem Lernmanagementsystem zur Verfügung gestellt. Die Grundidee dahinter: Jeder Mitarbeiter, der den Zugang hat, kann sich die Lernthemen heraussuchen, die er gerade benötigt und seinem situativen Lernbedürfnis entsprechen. Das kann auch mobil geschehen und damit entsprechend arbeitsplatznah. Einige pfiffige und marketingaffine Lernexperten nennen das auch das Netflix-Prinzip bzw. die Netflix-Methode.

 

 

Was ist mit der Netflix-Methode gemeint?

Neben Amazon-Prime ist Netflix ein Streaming-Dienst für Serien, Dokumentationen und Spielfilme. Und der Steaming-Dienstleiter ist derzeit Marktführer. Seine Grundidee: Zuschauern ganz einfach und individuell Film-Vorschläge anbieten, die dem eigenen Geschmack entsprechen. Damit das gelingt, können sie bereits zu Beginn auf Kundenvorlieben zurück greifen, die Kunden selber angegeben haben und entwickeln im Laufe der Zeit die Präferenzen weiter. Es braucht hier keine umfangreiche Programmierung, das Angebot spiegelt ausschließlich den Geschmack des Kunden wider. Darüber hinaus können Zuschauer nachvollziehen, warum eine Serie oder eine Dokumentation angeboten wird. Dadurch fühlen sie sich wahr-und ernstgenommen und sind entscheidungsfähiger.

 

Das Marmeladen-Paradoxon

Psychologisch betrachtet, steckt dahinter das „Paradox of Choice“ – oder auch als das Marmeladen-Experiment bekannt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein großes Marmeladenangebot Kunden zwar sehr gut anspricht. Doch die Entscheidungsfreudigkeit wird hierdurch wenig positiv beeinflusst. Im Gegenteil: Eine sehr große Auswahl führt dazu, dass wir verunsichert werden und eher dazu tendieren, uns nicht zu entscheiden. Die Wissenschaftler haben in diesem Experiment auch festgestellt, dass Menschen mehr Marmelade kaufen, wenn die Auswahl vorgegeben bzw. begrenzt wird.

 

 

Und dieses Wissen macht sich Netflix zu Eigen:

VIDEO: Warum die Netflix-Methode für Bildungsexperten spannend ist

Netflix reduziert die Komplexität seines Angebots und bietet jedem Zuschauer ein kleines, möglichst perfekt zugeschnittenes Angebot an. Mithilfe von Algorithmen werden dann Zuordnungen vorgenommen. Themenfeldern und Titeln werden dann Tags zugeordnet, also eine Verschlagwortung, die den Inhalt beschreibt. Beispiel: Marketing allgemein – Online-Marketing- Contentmanagement – Videoproduktion-Storytelling.

 

Es gibt bereits die ersten Plattformen, die dem Lerner ein individuelles Angebot bieten können und es ist zu erwarten, dass noch mehr Plattformen dazu stoßen. Selbst die Bundesregierung hat mit ihrer Digitalen Strategie ein sogenanntes Bildungs-Netflix ins Gespräch gebracht. Mehr Infos zum digitalen Lernen nach dem Netflix-Prinzip können in diesem Artikel nachgelesen werden.

 

Darüber hinaus werden stärker informelle Rahmen initiiert, wie das kollegiale Lernen oder Working-Out-Loud Sessions (WOL).

Der Wunsch dahinter: Die Eigenmotivation ist höher und die konkrete Problemstellung und die Suche nach einem passenden Lösungsweg ist auch schon Lernen und das Gelernte wird anschließend schneller in die Praxis umgesetzt.

 

Vorteile des Netflix-Prinzips auf digitalen Lern-Plattformen
  • Lernen on demand: Situatives und punktuelles Lernen
  • Individualität: Interessengestütztes Lernen
  • Nachhaltigkeit: Ansatz Anknüpfungspunkte / Überschneidungen
  • Intrinsische Motivation: Bedürfnis, eigenem Lernverhalten nachzugehen
  • Zeitliche Unabhängigkeit: Lernen wo und wann ich will

 

Digitale Lern-Plattformen: Zum Teufel mit E-Learnings und Standard-Seminaren?

Nein. Viele Menschen sind eben noch nicht in der Lage, selbstorganisiert und zielgenau nach Lösungen zu suchen und Ideen in das eigene Themenfeld zu transferieren. Aber die Menschen, die es können, sollten in den standardisierten Lernkonzepten Möglichkeiten erhalten, einen kürzeren Weg bis ans Ziel zu gehen, Etappen zu überspringen oder in dem einen oder anderen Bereich tiefer in das Wissensgebiet einzutauchen, ohne, dass der mahnende Finger erscheint.

 

Fazit

Meine Befürchtung: Je enger wir Bildungsexperten den Lernweg vorgeben und je weniger wir ergänzende oder auch zusätzliche individuelle Angebote schaffen, umso weniger wird das Lernprodukt angenommen.

Und gleichzeitig wächst die jüngere Generation mit den modernen digitalen Mitteln auf. Sie werden bereits sehr früh indirekt daran gewöhnt, sich ihre Interessengebiete zusammen zu stellen oder sie bekommen diese bereits vorgefiltert nur angezeigt. Ob das gut ist oder eher nicht, darüber lässt sich streiten. Doch es beeinflusst die Gewohnheiten und schlussendlich auch die Lerngewohnheiten.

 

 


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